Wie steht es aktuell um die Kölner Gastronomie? - Ein Interview mit der IG Gastro Köln

"Die Hilfe der Gäste und das Bewusstsein der Nachbarschaft ist riesengroß."

Seit Anfang November befindet sich Köln wieder in der zweiten Lockdown-Starre. Gastronomien müssen weiterhin geschlossen bleiben.

Wie geht es daher den regionalen Gastronomen? Eine Bestandsaufnahme.


Die Interviewpartner

Das Interview wurde geführt von Kai André Mischak, Förderstudent im GründerCenter der Sparkasse KölnBonn.

Herr Schlüter, wenn Sie uns kurz ein Bild geben mögen… Wie steht es aktuell um die regionale Gastronomie-Szene?

Schlüter: Ja, aktuell durch die Corona-Pandemie sichtlich schwierig. Die Betriebe haben zum zweiten Mal dieses Jahr geschlossen ohne wirklich zu wissen, für wie lange. Das ist psychologisch und finanziell natürlich schwierig. Die Zusage staatlicher Hilfen ist großartig, auch in voller Art und Höhe - da bin ich auf hohe Zustimmung unter den Gastronomen gestoßen. Wenn sich die Auszahlung aber wochenlang hinziehen wird, ist das allerdings auch verheerend. Denn immerhin müssen eigene Ausgaben, Miete und Löhne bezahlt werden.

Für mich persönlich ist es aber dennoch schön zu sehen, dass die Kollegen die Köpfe nicht in den Sand stecken und immer wieder weitermachen. So werden Glühweinwanderwege, Gänsetaxen und mehr initiiert, um auch im Rahmen der Pandemie erstmal Geld zu verdienen und um Kunden und Gäste zu halten. Diese stetige Motivation der Kollegen betrachte ich selber als Kölner mit sehr viel Wohlwollen. Da kann ich vor vielen Kollegen nur den Hut ziehen, die viele gute Ideen haben.


Es ist schön aber auch wichtig, dass man trotz schwerer Zeit dennoch engagiert ist, um irgendwie an den Kunden zu bleiben.

Eikam: Wobei das natürlich echt schwer ist. Beim ersten Lockdown war jeder noch in der Stimmung, dass wir das alles wieder hinkriegen. Und jetzt bei der zweiten Schließung war noch nicht mal das Finanzielle das vordergründige Problem, sondern dieser emotionale Part: „Ich muss wieder schließen“ bis „Ich schaffe es nicht, das zu sehen. Das tut mir im Herzen weh“. Vor diesem Turnaround hin zu: „Da müssen wir jetzt wieder durch, wir versuchen, was für unsere Gäste zu machen“ habe ich größten Respekt!

Natürlich freut man sich über staatliche Hilfen. Aber wenn man bedenkt, dass diese Anfang November zugesagt wurden, jedoch erst seit Kurzem rein formell der Antrag gestellt werden kann, ist das schon schwierig. Die wenigen Betriebe mit Rücklagen haben diese jetzt größtenteils über den Jahresanfang bis Sommer verbraucht – wie soll das weiter funktionieren?

Schlüter: Ja das stimmt. Jede Hilfe ist natürlich eine Hilfe. In solchen Fällen ist es aber weltfremd zu glauben, dass eine Auszahlung im Februar ausreicht. Es muss jetzt etwas passieren!


Wie haben sich die Gastronomen auf diesen zweiten Lockdown vorbereitet? Wie hat sich der Wandel von "Vor-Ort-Gastro" hin zu "Take-away-Gastro" vollzogen?

Schlüter: Im Laufe des Oktobers war schon absehbar, dass es wieder zu Einschränkungen kommen kann. Zu dem Zeitpunkt hatten wir auch ein sehr offenes Gespräch unter den Gastronomen und innerhalb der IG Gastro. Daher kam es jetzt nicht völlig überraschend. Viele haben schon im ersten Lockdown gute Ideen gehabt, die jetzt wieder umgesetzt werden.


Was macht es denn mit einem selber, wenn man im Zuge des Sommers Hygienemaßnahmen umgesetzt und in diese investiert hat, und jetzt doch wieder schließen muss?

Schlüter: Eine sehr gute Frage. Neben dem finanziellen Schmerz ist dort der Schmerz am größten. Wir haben uns bemüht, Hygienekonzepte zu entwickeln und dementsprechend kräftig investiert (tlw. 5-stellige Beträge). Und nun können wir diese ganzen Maßnahmen nicht nutzen. Neben dem finanziellen Schaden, der sowieso da ist, ist es diesmal ein echt großer emotionaler Schaden.


Hinzu kommt, dass auch am 11.11. alles dicht war und Weihnachten sowie Karneval im Februar vor der Tür stehen. Dies sind gerade Ereignisse, bei denen jede Kneipe und jede Gastronomie rappelvoll ist.

Schlüter: Absolut! Karneval ist ein großer ökonomischer Schwerpunkt in der Gastronomie – das ist ja kein Geheimnis. Und ich weiß von vielen Kollegen, dass das ausbleibende Geschäft besonders schmerzt, weil es ein großer Anteil des Halbjahres- bzw. Jahresumsatzes ist. Am 11.11. war es auf jeden Fall komisch. Aber es war auch richtig! Alle Maßnahmen waren völlig nachvollziehbar.

Eikam: Ich glaube aber auch, dass Karneval viele Leute vorsichtig bleiben werden. Ich fände es dennoch schön, wenn dann nicht die Lösung ist: „Wir können das in dem Rahmen nicht machen und deswegen lassen wir die Gastro zu“, sondern dass man zusammen mit euch Gastronomen eine gemeinsame Lösung findet. Sonst stapeln sich die ganzen Leute z.B. am Brüsseler Platz. Davon hat ja dann auch keiner etwas.

Schlüter: Das halte ich für total entscheidend und wichtig. Wir haben als IG Gastro ja auch den Pop-up Biergarten auf der Vogelsanger Straße organisiert.

Den ich übrigens auch genutzt habe, so ganz nebenbei :D

Schlüter: (lacht) Das spricht doch auch dafür, dass die junge und ausgehfreudige Generation da auch eine Nische hat. Diese Gruppe kann aktuell nicht in den Clubs feiern (die teilweise noch mehr leiden), aber vielleicht auf so einen Pop-Up Biergarten gehen. Die Nachfrage im Sommer war ja fantastisch - das kann man auf Karneval übertragen.

© PopUp-Biergarten, Foto: privat

Man will ja auch irgendwie das „Alte“ aufleben lassen und die Gastronomie unterstützen.

Schlüter: Wenn ich da einhaken darf. Das ist etwas super wichtiges. Das höre ich auch von vielen Kollegen, dass der Rückhalt der Gäste am meisten motiviert. Das „Ich will euch helfen“, „Ich hole mir jetzt noch die Pizza auf der Ecke“ oder „Ich gehe mir am Hahnentor die Weckgläschen holen“ oder, oder, oder. Das ist total spürbar. Die Hilfe der Gäste und das Bewusstsein der Nachbarschaft ist riesengroß.

Eikam: Es ist schön, das hier zu sehen! Jeder versteht es und jeden schmerzt es, wenn man nicht in seine Lieblingskneipe gehen oder nach der Arbeit mal spontan sagen kann: „Lass uns nochmal auf ein Bier treffen“.

Schlüter: Es wird bereits viel Gutes getan. Die Frequenz ist durchaus da, auch wenn der Umsatz niemals der sein kann, wie unter normalen Umständen. Dass das auf Dauer nicht ausreichen wird, ist auch logisch. Dennoch - die emotionale Unterstützung hilft sehr. Es ist eben dieses: „Ich gehe mir jetzt etwas zu essen holen“, was hilft. Und ein ebenso beliebtes Modell sind die Gutscheine, die man sowohl bei Gutscheinportalen wie "veedelsretter.koeln" als auch direkt im Lokal selber kaufen kann und signalisiert: „Wir freuen uns, wenn es wieder losgeht und sind an eurer Seite“.


Was kriegst du aus deinen Gesprächen mit, Inga? Was sind die Schmerzpunkte, mit denen die Gastronomen zu dir kommen?

Eikam: Wir kennen uns alle schon lange und gut und sprechen ganz offen über verschiedene Dinge – nicht nur rein wirtschaftlich. Beim ersten Mal haben wir auch ganz, ganz viel geredet – aber eher über die Ungewissheit und die Soforthilfen. So haben wir, Martin und ich, uns übrigens auch kennengelernt. Im ersten Lockdown war meine Befürchtung, wie "meine Gastros" das hinbekommen sollen. Und so haben wir gesagt, wir müssen ein kleines Netzwerk aufbauen mit Unternehmensberatern, Steuerberatern usw. und uns regelmäßig austauschen.

Da war halt das finanzielle Thema, das habe ich im Moment nicht. Jetzt ist es vermehrt der emotionale Part, der mich auch persönlich bewegt.


Glauben Sie, Herr Schlüter, dass einige Gastronomen nach der Phase nicht mehr aufmachen werden?

Schlüter: Ja.. schon… Wir horchen bei uns in der Mitgliedschaft regelmäßig nach. Wir haben das Gefühl, dass mind. 25-30% der Gastronomen derzeit am totalen Limit sind und kurz vor der Insolvenz stehen. Das wird mit dem jetzigen Lockdown natürlich nicht weniger, sodass auch viele gute Kollegen wegbrechen oder Betreiberwechsel stattfinden werden… Oft stecken lange Geschichten und viel Persönliches dahinter. Da wird vieles passieren, was der Kultur und der Gastronomielandschaft hier in Köln wehtun wird.


Wie wird sich denn generell das Gastronomiegewerbe verändern? Werde ich zukünftig an Karneval in die volle Kneipe gehen und mit den anderen "Ärm en Ärm" schunkeln?

Schlüter: Fangen wir mal mit dem Positiven an. Das klang auch schon ein paar Mal durch. Vor allem ist es das gewachsene Verständnis für die Anliegen der Gastronomie. Unter Partnern, Nachbarn, Gästen und auch Behörden. Unsere (politische) Bedeutung hat dabei zugenommen und wir hoffen, dass dies bleibt. Gerade für eine Stadt wie Köln, deren "Lebensjeföhl" auch stark über die Gastronomie definiert wird, ist das wichtig.

Ich bin aber ebenso bei den Bedenken, dass sich das Leben allgemein verändert. Ein so unbeschwertes Ausgehen, wie man es gerade vom Straßenkarneval kennt, wird es zumindest für einen Großteil der Bevölkerung zunächst nicht mehr so geben. Da ist dann auch unsere unternehmerische Kreativität gefragt, Konzepte zu überlegen, dass sich die Gäste trotzdem wohlfühlen.

Eikam: Auch die Digitalisierung wäre so niemals vorangeschritten. Ich finde es cool, dass man oft für die Speisekarte nun einfach einen QR-Code abscannt. Da kannst du auch mal eben die Preise anpassen, und keiner merkt’s 😉 Das sind alles Dinge, die man zukünftig mitnehmen kann. Wobei wir natürlich auch nicht viel mehr für’s Kölsch zahlen wollen (lacht). Aber sonst hat mich auch diese Innovationskraft begeistert, vor allem auch wie schnell die Ideen entwickelt wurden.



Kommen wir gerne nochmal auf die IG Gastro zu sprechen. Wer oder was steckt hinter der IG Gastro Köln?

Schlüter: Die IG Gastro war im letzten Herbst die Idee von 4 Gastronomen, von denen ich einer war - noch fernab von der Idee, dass eine Pandemie kommen könnte. 

Wir wollten uns als Gastronomen zusammenschließen – ist ja Wahnsinn, was wir alles behördlich erdulden müssen und wie wir darauf geeicht werden, untereinander in Konkurrenz zu treten. Das ist völliger Blödsinn, wir müssen doch eigentlich die Beziehungen untereinander stärken! Gerade auch gegenüber der Stadt gelingt uns dies aktuell zunehmend.

Wir brauchen Ansprechpartner, wir brauchen eine Lobby und wir müssen uns bündeln, um Dinge gemeinsam anzupacken. Das war so die Idee. Und haben das dann relativ naiv über Facebook verkündet mit dem Zusatz, eine Art Mitgliedergründungsversammlung einzuberufen, bei der wir dann völlig überrannt wurden. Gerechnet hatten wir mit 30, letzten Endes waren wir knapp 150. Man hat gemerkt, wie sich bei vielen der Frust angestaut hatte.

Wir haben gesehen, dass es extrem viele Themen gibt - so wachsen wir ständig stark weiter.


Das freut mich total. Es ist schön, dass da Menschen sind die sagen „Lass uns das mal gemeinsam anpacken“!

Eikam: Ja, so eine Art (regionale) Plattform gab es halt noch nie. Und jeder hat bisher so sein eigenes Ding gemacht. Es ist klasse, dass es so etwas nun gibt. Weniger der Konkurrenzgedanke, mehr der Zusammenhalt.


Ich habe auch schon gesehen, dass bereits viele Mitglieder an Bord sind. Wie kann man bei euch Mitglied werden?

Schlüter: Inzwischen einfacher (lacht). Es gibt einen Button auf unserer Homepage, der direkt zum Mitgliederantrag weiterleitet. Wir sind auch weiter auf aktiver Suche. Wir sind aktuell ca. 250 Mitglieder, wollen aber bis Ende 2021 mind. 500 sein und sind da guter Dinge. Je mehr Leute, desto größer das Sprachrohr.

Außerdem kann man als Premium-Partner unterstützen. Auch hier wollen wir wachsen. Einfach, um eine finanzielle Basis zu haben, wenn wir selber mal investieren wollen. Aber auch, um ein Netzwerk zu pflegen. Zweitens kann man uns auch Geld spenden, was erfreulicherweise viele schon machen. Auch das ist über die Homepage möglich


Es bleibt wohl spannend, welche "Spätfolgen" auftreten werden und wie wir gemeinsam in das neue Jahr starten. Liebe Inga, lieber Herr Schlüter, vielen Dank für das angenehme Interview!

Kommentare

  • Vielen Dank nochmal für das tolle und angenehme Gespräch in der Runde. Ich würde mich über ein Wiedersehen freuen - vielleicht dann auch bei uns gegenüber im Reissdorf ;-)

    Bis dahin alles Gute!

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